Wie man in Europa kunstvolle Brücken baut

30. März 2011
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Temeswarer und Wiener Künstler reichen sich die Hände / Von Balthasar Waitz

„Die Entfernung zwischen Wien und Temeswar ist weit geringer als sie es in Wirklichkeit ist“. Mit diesen Worten sprach ein Gast aus Österreich, Dr. Gabriel Kohn, stellvertretender Leiter des Rumänischen Kulturinstituts Wien ICR, einem kleinen Auditorium kürzlich bei der Eröffnung einer österreichischen Gruppenausstellung in der Temeswarer Jecza- Kunstgalerie so richtig aus dem Herzen. Für viele Temeswarer wie auch Wiener ist diese Entfernung von nur 458 Kilometern (per Autobahn in etwa sechs Stunden oder mit Austrian Airlines in knapp einer Stunde zu überbrücken) und vieles anderes nicht mehr das, was sie heutzutage voneinander trennen könnte.

In Temeswar wurde das Konzept Klein-Wien schon kurz nach der Wende und in den letzten Jahren verstärkt verfolgt und gepflegt: Es geht den Banatern und speziell den Temeswarern erstens um die Rückgewinnung der eigenen wie der gemeinsamen Geschichte, in Anknüpfung an das Bestreben der Banater Metropole zur Jahrhundertwende, der Provinzialität zu entfliehen und sich an Mitteleuropa anzunähern. Das Interesse am gemeinsamen, lange Zeit nicht beachteten Kulturerbe ist vor allem bei der Temeswarer Seite trotz der Finanzierungsschwierigkeiten weiterhin groß geblieben: Siehe das Bestreben der Stadt und der Bevölkerung, die Altstadt, das von Fischer von Erlach geschaffene Wien in Miniatur, zu sanieren. Siehe auch der allgemeine Zuspruch der Temeswarer für die von der Stadt und dem Kulturverein „Ariergarda“ veranstalteten Feste der Straßen Eugen von Savoyen oder Mercy. Ein begeistertes Publikum fand kürzlich auch die von der Österreich-Bibliothek organisierte Ausstellung über Franz Joseph.

Durch die überraschende Erfolgsgeschichte kleinerer oder größerer Kulturveranstaltungen hat es sich jedoch prägnant erwiesen, dass die Zukunft der Beziehungen Temeswar – Wien im Kulturellen zu suchen und zu finden ist: Durch das Kulturprogramm der Temeswarer Österreich-Bibliothek wurden im Laufe der letzten Jahre österreichische Kulturpersönlichkeiten wie der Schriftsteller Martin Pollack, Mag. Georg Ofner oder der Historiker Harald Hepner zu gern gesehenen Stammgästen in der Begastadt und im Banat. Beliebte Wiener Musik erklingt jeden August beim Opern- und Operettenfestival im Temeswarer Rosenpark, bei der letzten, der sechsten Ausgabe war auch das Ballettensemble aus St. Pölten (Österreich) mit dabei. Ein schöner Erfolg wurde vor Kurzem die Premiere „Die Mountainbiker“ des österreichischen Autors Volker Schmidt im Deutschen Staatstheater. Im Herbst 2010 weilte eine Gruppe junger Autoren des Temeswarer deutschen Literaturkreises „Stafette“ auf einer Lese-reise in Wien. Im Gegenzug entfaltet der aus dem Banat gebürtige Hochschullehrer und Schriftsteller Hans Dama eine kontinuierliche kulturelle Tätigkeit mit Banater Akzenten in Wien.

Kunstprojekt Temeswar – Wien

Nun haben es die bildenden Künstler aus Temeswar und Wien mittels eines unkonventionellen Projekts geschafft, ein neues Vehikel auf die Kulturschiene Temeswar – Wien zu bringen: Unter der Schirmherrschaft des Rumänischen Kulturinstituts Wien wurde das Pilotprojekt LINK gestartet, um eine Langzeitkooperation zwischen der Temeswarer Jecza-Kunstgalerie (Leiter Andrei Jecza), der Kunststiftung „Triade“ und der Wiener Kunstgalerie Schleifmühlgasse 12-14 (Leiterin Denise Parizek) zu schaffen. Der rumänische Künstler Zanga stellt gerade in der Wiener Kunstgalerie eine neue, zu diesem Zweck in Wien aus zig Kupferrohren zusammengeschweißte Installation aus. Parallel wurde am 12. März in der Temeswarer Galerie eine Gruppenausstellung der drei österreichischen Künstler Marta Mikulec, Michael Koch und Marcus Zobl eröffnet.

Das Novum: Im Vorhinein wurde in Premiere auf der Strecke zwischen Wien und Temeswar an verschiedenen Orten wie Bahnhöfen, Tankstellen oder an öffentlichen Plätzen der durchquerten Ortschaften Zeichen gesetzt bzw. Sticker als Teil einer Tagging-Aktion angebracht. Der Start der Aktion war um acht Uhr morgens in Wien, die kulturelle Reise gegen Osten endete um Mitternacht in Temeswar. Im Rahmen dieses Mobilitätsprogramms des Kulturinstituts werden auch in Zukunft rumänische und österreichische Künstler, ausgehend von einem bestimmten Thema, parallel, jeweils im Spielfeld des anderen ausstellen. Dieses Kunstprojekt LINK-UNIT (Verbindung und Einheit) verspricht wertvolle Kontakte, attraktive Events auf beiden Seiten und nicht zuletzt neue und beiderseitig vorteilhafte Wechselbeziehungen, nicht nur für die Künstler und die implizierten Kulturinstitutionen, sondern auch für ein interessiertes und, wie zu erhoffen, neues Publikum von hüben und drüben.

Quelle: ADZ
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