Eine gelungene Nestroy-Inszenierung der Hermannstädter deutschen Bühne / Von Hannelore Baier
Mit etwas Bangen betraten mehrere Freunde der deutschen Abteilung des Radu-Stanca-Theaters am Montagabend den Saal. Die letzten Inszenierungen kann man sich ansehen, aber überwältigend waren sie nicht, und nun stand eine Nestroy-Premiere am Programm. An Johann Nepomuk Nestroys meistgespielte Posse mit Gesang „Der Talisman“ hatte sich das Ensemble herangewagt. Wie die Aufführung wohl gelingt? Einfach großartig! Witzig und voller lustiger Bühnengags, klassisch und zeitgenössisch zugleich, dynamisch ohne hektisch zu wirken. Eine Vorstellung, wie man sie sich als müder Zuschauer für die Entspannung und Unterhaltung am Abend wünscht.
Zum Schmunzeln verziehen die Zuschauer die Mienen bereits bei der Ansage, die Handys auszuschalten: Sie kommt nicht vom Band, sondern die Darstellerinnen und Darsteller sprechen sie in Rumänisch, Sächsisch, Deutsch, Englisch, Ungarisch und Japanisch. Kein Playback sondern live gesungen werden im Verlauf des Abends die eigens für die Vorstellung vom bekannten Schlagerkomponisten Horia Moculescu komponierten Songs zu Texten von Monika Dandlinger.
Bei Iulia Maria Popa (Salome Pockerl) und Wolfgang Kandler (Titus Feuerfuchs) klingt der Gesang professionell, den anderen Darstellerinnen und Darstellern wurden musikalische Parts je nach Fähigkeiten zugedacht. Eine wichtige Entscheidung für das Gelingen der Aufführung.
Die drei Aufzüge des Originaltextes von Nestroy sind von Anna Neam]u, der Leiterin der deutschen Abteilung, und Regisseur [erban Puiu auf eine eineinhalbstündige Bühnenversion in einem Aufzug in heutigem Deutsch zusammengefasst worden. Die Uraufführung des „Talisman“ fand immerhin 1840 statt. An der Handlung und den Personen ist nichts verändert worden: Der rothaarige Titus bezaubert dank der Perücken die Frauen, die Rothaarige verabscheuen. Der somit erschlichene soziale Aufstieg des Barbiergesellen endet jedoch, als seine Lügen nach und nach offensichtlich werden. Enttäuscht wendet er sich der ebenfalls rothaarigen Gänsehüterin Salome zu, die ihn, und nicht seine (falsche) Haarpracht mochte. Gemeinsam wollen sie es ändern, dass es so wenig Menschen mit roten Haaren auf der Welt gibt.
Hat eine solche Handlung vor bald zwei Jahrhunderten begeistern können, muss man heute zu Kniffen greifen, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Das ist Regisseur [erban Puiu, Kostümbildnerin Lia Man]oc und dem Ensemble der deutschen Abteilung gelungen. Einfach köstlich ist Emöke Boldizsár als Frau von Cypressenburg, die weißgepudert und mit Sonnenbrille vom japanischen Diener (Tomohiko Kogi, der auch den Notarius darstellt) im Rollstuhl über die Bühne geschoben wird. Ihr Röcheln wird mittels Sauerstoffmaske beendet. Mit blauen Haaren, Fliegerbrille und Stahlhelm kreuzt Georg Potzolli als Monsieur Marquis auf, der so heißt, aber „Perückier“ ist. Titus rettet ihn vor dem Ertrinken in der mit Wasser gefüllten Badewanne.
Auf der Plastiktüte rutscht Gärtnergehilfe Plutzerkern (Ali Deac) rum, mit dem Roller kurvt Renate Müller-Nica als Töchterchen Emma an. Zickig-albern bemühen sich, den Rollen gemäß, Johanna Adam (Witwe Flora Baumscheer) und Enikö Blénessy (Kammerfrau Constantia) um Titus, dessen schwarze Perücke „blaue Wunder“ bewirkt. Erhaben wirkt hingegen Franz Kattesch als Vetter Spund. Klug eingesetzt wurden insgesamt acht Statisten, die zur Lebendigkeit des Bühnengeschehens beitragen.
„Der Talisman“ wird am 23. und am 30. März erneut aufgeführt.
Quelle: ADZ
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