Heftiger Widerstand staatlicher Strukturen / Von Andrei Avram
Während Flüge mit Blue Air, Wizz Air, Germanwings, Easyjet oder Ryanair in Rumänien bereits zu einer Selbstverständlichkeit gehören und die Preise für Tickets in Richtung Westeuropa seit dem EU-Beitritt 2007 deutlich gesunken sind, bleiben Reisen auf dem Luftwege in die Republik Moldau ein Privileg der Betuchten. Grund: Neben Weißrussland ist die Republik Moldau das einzige Land Europas, wo keine Low-Cost-Airlines Einzug gefunden haben, weil keine Marktliberalisierung stattgefunden hat. Dieses Problem wird in einer jetzt veröffentlichten Studie von Leonid Litra vom führenden moldauischen Think Tank „Viitorul“ in Chisinüu angesprochen.
Einer der teuersten Märkte in Europa
Bereits 2008 fasste die ehemalige kommunistische Regierung unter Zinaida Greceanâi den Beschluss, bis 2011 den moldauischen Markt für Luftverkehr zu liberalisieren. Diese Absicht bekundeten anschließend auch die westlich gesinnten Kabinette des jetzigen Ministerpräsidenten Vlad Filat. Im vergangenen Frühjahr wandte sich dieser in einem Brief an den Präsidenten der EU-Kommission, um die Absicht seines Landes zu bekunden, dem Gemeinsamen Europäischen Luftverkehrsraum beizutreten. Bislang hat sich dies jedoch nicht verwirklicht und der vom Verkehrsminister Anatol Salaru angegebene Termin Juni 2011 für die Unterzeichnung des Beitritts gilt mittlerweile als kaum realisierbar.
Dabei beklagen sich vor allem die Auslandsmoldauer – deren Zahl Leo-nid Litra auf knapp 800.000 schätzt – über die hohen Preise, die sie für Flugtickets entrichten müssen, um in die Heimat zu reisen. Mehrere Vereinigungen der moldauischen Diaspora schrieben am 10. März vergangenen Jahres dem moldauischen Präsident, Premierminister und den Abgeordneten, um die Liberalisierung des Flugverkehrs zu fordern. Dabei wiesen sie – wohl zu Recht – darauf hin, dass Flüge nach Rumänien oder in die Ukraine um ein Vielfaches preiswerter seien als Direktverbindungen in die Republik Moldau.
Tatsächlich stechen die Zahlen ins Auge: Der Mindestpreis für einen Einfachflug mit Air Moldova von Chi{in²u nach Lissabon beträgt 205 Euro, beim rumänischen Billiganbieter Blue Air 19,99 Euro. Zugegeben, dieses Beispiel ist extrem (da der günstigste Preis bei einer Billig-Airline relativ schwer zu ergattern ist), aber eine konkrete Probebuchung veranschaulicht die Kluft zwischen liberaliserten und nicht liberalisierten Avia-Märkten: Wer am 24. Februar einen Flug von Chisinüu nach London mit Air Moldova (Anreise: 11. März, Abreise: 18. März) buchen wollte, musste 407 Euro herausrücken. Für eine Reise mit Wizzair von Kiew nach London waren für genau dieselben Termine lediglich 184 Euro nötig. Denn selbst in der Ukraine hat der größte osteuropäische Billigflieger eine Basis – und ist dabei nicht der einzige: auch Germanwings steuert seit 2009 Kiew an. Die Journalistin Liliana Barbãrosie vom Sender „Radio Europa Liberã“ spricht davon, dass die Preise für Flüge in der Republik Moldau schwer mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar seien.
Moldauer wissen sich mittlerweile zu helfen und fahren nach Bukarest, Kiew oder Odessa per Auto, Bus oder Bahn und steigen erst dort in den Flieger ein. Denn die Preisunterschiede sind so groß, dass selbst die Kosten für die Anfahrt in die Nachbarländer ausgeglichen werden. Die inzwischen vom Bildschirm verschwundene italienische Fluggesellschaft Myair hatte vor einigen Jahren bei Buchungen für Flüge nach Bukarest einen Info-Kasten auf ihrer Homepage eingerichtet: Hinweise über Einreisebestimmungen für moldauische Staatsbürger, die über Rumänien nach Hause wollen.
Staatliche Strukturen setzen auf Status Quo
Die Liberalisierung von Flugreisen stößt jedoch nicht bei allen Beteiligten auf ungeteilte Euphorie. Verkehrsminister Anatol Salaru warnte im März vergangenen Jahres, dass eine Öffnung des moldauischen Marktes nur europäischen Fluggesellschaften zugute kommen würde und die einheimischen Anbieter in die Pleite führen, samt Arbeitsplatzverlusten und weniger Geld für die Staatskasse. Denn: Die größte Airline ist die staatseigene Air Moldova, die nach Angaben der Staatlichen Verwaltung des Zivilen Luftverkehrs 70 Prozent der moldauischen Passagiere befördert.
Gegner der Liberalisierung argumentieren auch gern damit, dass der moldauische Markt zu klein sei für einen solchen Schritt. Iurie Zidu, Leiter der Luftverkehrsverwaltung, erklärte in einem Interview, dass Low-Cost-Fluggesellschaften kein Interesse an Flugverbindungen in die Ex-Sowjetrepublik hätten. Zudem habe es keine Anträge von solchen Fluglinien gegeben, fügte er hinzu.
Verkehrsminister Salaru hatte bereits im vergangenen Jahr darauf verwiesen, dass Billigflieger eher sekundäre Flughäfen ansteuern. Deren gibt es zwar in der Republik Moldau auch – etwa in Bãlti im Norden oder in Cahul im Süden – aber zurzeit gibt es dort überhaupt keinen Linienverkehr und es bedürfte wohl signifikanter Investitionen, bis von dort aus Maschinen Richtung Westeuropa abfliegen werden.
Zidu verweist auch auf das bestehende Visaregime für moldauische Bürger, die in die EU wollen, als Hemmnis für die Öffnung des einheimischen Marktes – ein Argument, das sicherlich einleuchtet. Dennoch dürfte damit in absehbarer Zukunft Schluss sein, da Chisinãu mit der EU bereits über die Liberalisierung des Reiseverkehrs verhandelt. Litra argumentiert, dass es eine „geniale Synchronisierung” wäre, wenn das Abkommen über den Beitritt zum Gemeinsamen Europäischen Luftverkehrsraum bis zur Aufhebung der Visapflicht für Moldauer unter Dach und Fach gebracht wäre. Dann dürften sich Billigflieger mit Erfolg auf den moldauischen Markt wagen. Ein Interessent soll dabei Blue Air sein, die älteste Low-Cost-Fluggesellschaft in Rumänien, die in den letzten Monaten in eine schwere finanzielle Krise geraten war, aber die vor einer Woche vom Spektrum der drohenden Insolvenz gerichtlich befreit wurde.
Die Öffnung des moldauischen Marktes wird vor allem der zahlreichen Diaspora zugute kommen. Doch andere Branchen dürften erheblich leiden, etwa Linienbusse nach Westeuropa, wie die rumänische Erfahrung gezeigt hat, aber eben auch Busfirmen, die zwischen der Republik Moldau und Rumänien oder zwischen der Republik Moldau und der Ukraine Verbindungen anbieten. Zudem würde der Beitritt zum Europäischen Luftverkehrsraum nur einen Teil des Problems lösen, denn ca. 200.000 Moldauer arbeiten im Großraum von Moskau, sodass sie von den neuen Regelungen gar nicht profitieren würden.
Quelle: ADZ
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