Oratoriumsarien, Schauspielszenen, lebende Bilder

12. März 2010
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„Judith“ als musikalisch-theatralisches Gesamtkunstwerk in Stuttgart / Von Dr. Markus Fischer

Die biblische Judith, die dem Feldherrn Holofernes, einem General des Königs Nebukadnezar, das Haupt abschlug wie nach ihr Salome Johannes dem Täufer und damit das Volk Israel vor dem Untergang rettete wie vor ihr Mose, ist eine Gestalt, die zahlreiche Komponisten, Dramatiker und bildende Künstler zu bedeutenden Werken der Musik-, Literatur- und Kunstgeschichte inspiriert hat.

So hat beispielsweise der italienische Komponist Antonio Vivaldi im Jahre 1716 das Oratorium „Juditha triumphans devicta Holofernis barbarie“ (Die triumphierende Judith nach dem Sieg über die Barbarei des Holofernes) komponiert, mit dem damals der Sieg der venezianischen Armee über die osmanischen Invasoren auf Korfu gefeiert wurde. So hat zum Beispiel auch der deutsche Dramatiker Friedrich Hebbel in seinem Erstlingsdrama „Judith“ (1840) der biblischen Gestalt ein literarisches Denkmal gesetzt, indem er aus der schönen und gottesfürchtigen Witwe des apokryphen alttestamentarischen Buches eine verführerische femme fatale gemacht hat, bei deren Dramatisierung neben der nationalen und politischen auch die erotische Komponente eine wichtige Rolle spielte. So hat schließlich, bereits Jahrhunderte vor Hebbel und Vivaldi, der deutsche Maler Lucas Cranach der Ältere die triumphierende Judith mit einem breitkrempigen Federhut, einer kostbaren Goldkette, einem schmuckvollen Renaissancekostüm, mit dem Schwert in der Rechten und dem Haupt des Holofernes in der Linken porträtiert, wie Donatello oder Botticelli vor ihm und wie Caravaggio, Paolo Veronese oder Peter Paul Rubens nach ihm.

Bei der Stuttgarter Aufführung von „Judith“, einer Koproduktion der Staatsoper Stuttgart, des Schauspiels Stuttgart und der Salzburger Festspiele, die im Juli 2009 in Salzburg und im Oktober desselben Jahres in Stuttgart Premiere hatte, standen nicht nur die drei genannten Werke von Vivaldi, Hebbel und Cranach Pate. Vielmehr wurde dieses aus der musikalischen, dramatischen und bildnerischen Tradition herrührende Judith-Bild ergänzt und erweitert um szenische Versatzstücke der Gegenwart, die aus der Feder der deutsch-französischen Performance-Künstlerin Anne Tismer stammen und auch von ihr selbst als Schauspielerin auf der Bühne dargeboten werden. So werden beispielsweise in den biblischen Text, der davon berichtet, dass Holofernes bei der Belagerung der jüdischen Stadt Bethulien den Einwohnern das Wasser abgraben und die Quellen bewachen ließ, Texte Tismers eingestreut, die die Wasserknappheit auf der Welt zum Thema machen und den enormen Wasserverbrauch der Industrieländer inkriminieren. Oder es werden von Tismer Passagen in den Hebbel-Text montiert, die Judiths verhüllte Erotik sexuell explizit werden lassen, zum Teil auch mit derben, kruden und obszönen Formulierungen.

Das dramatische Geschehen ist bei der Stuttgarter Inszenierung auf mehrere Akteure verteilt, die eigentlich Gruppen von Akteuren sind. Da ist zum einen die Hauptfigur Judith, die in dreifacher Hypostase auftritt: als Sängerin im Cranach-Kleid (Tajana Raj), als Schauspielerin im Kostüm von Hebbels Trauerspielfigur Maria Magdalena (Stephanie Schönfeld) und als Performerin im Outfit einer versauten Großstadtgöre (Anne Tismer).

Diese dreifache Judith trifft als Frauengruppe auf eine siebenköpfige männliche Holofernes-Truppe, aus der Sebastian Kowski (Holofernes) und Daniel Gloger (Holofernes’ Hauptmann Vagaus) hervorragen. Besonders beeindruckend sind die Szenen, in denen der Kontratenor Daniel Gloger in einem überdimensionalen schwarzen Reifrock (Kostüme: Muriel Gerstner) hereinschwebt und dann die Holofernes-Akteure zu den wunderbaren Klängen einer Vivaldi-Arie unter seinem kreisrunden Verdugado wie unter dem Gewand einer Schutzmantel-Madonna Zuflucht suchen, um anschließend verborgen unter dem Rock des Kontratenors mit diesem wieder von der Bühne zu entschwinden.

Der dritte Gruppenakteur ist ein aus vier Sängerinnen und Sängern bestehender Chor, der teils im melodischen Gesang, teils im rhythmisierten Sprechduktus vornehmlich Bibeltexte vorträgt, die die Geschichte Judiths von der anfänglichen Bedrohung bis zum schlussendlichen Triumph erzählen.

Die Bühne, in monochromem Schwarz gehalten und durch vielfältige Lichteffekte (Gérard Cleven) belebt, ist bei diesem bewegten dramatischen Geschehen selbst permanent in Bewegung. So fährt zum Beispiel einmal die hintere Bühnenwand bis zur Rampe vor und schiebt dabei Teile der Kulisse vor sich her, die erst knapp vor dem Barockorchester „Il Gusto barocco“ (Leitung: Jörg Halubek), das im erhöhten Orchestergraben den Abend musikalisch begleitet, haltmachen.

In der hinteren Bühnenwand ist auch ein großes vertikales Schiebefenster eingelassen, das hin und wieder den Blick auf einzelne Akteure des dramatischen Geschehens freigibt, aber auch den Rahmen für tableaux vivants, für lebende Bilder, abgibt, in denen man ikonografische Judith-Darstellungen aus der Kunstgeschichte wiedererkennen und als Ergänzung des dramatischen Bühnengeschehens genießen kann.

So entfaltet sich entlang des Handlungsstranges der Judith-Erzählung ein abwechslungsreicher Reigen von Gesangsarien und musikalischen Zwischenspielen des Orchesters, von Soloeinlagen und Gruppenaktionen der Schauspielerinnen und Schauspieler, von choreografischen und bildnerischen Konfigurationen auf der Bühne sowie von happeningartigen Szenen, in denen Wände bemalt, wilde Jagden durch den Bühnenraum veranstaltet und Holofernes-Köpfe am Fließband produziert werden, die dann anschließend mit dem Hammer wieder zerstört werden.

Auch innerhalb der einzelnen Künste, die sich bei dieser Aufführung zu einem Gesamtkunstwerk vereinigen, kommt es zu interessanten Verfremdungseffekten, beispielsweise wenn die Sängerin Judith ihr Cranach-Kostüm auszieht und die Vivaldi-Arie „Höchster Schöpfer der Gestirne“ wie einen Jazz-Song in einem Nachtclub darbietet, zu den Klängen einer Combo, bestehend aus Trompete, Kontrabass, Schlagzeug und Theorbe.

Das Stuttgarter Judith-Experiment, denn jeder Versuch einer Zusammenführung verschiedener Künste in einem einzigen Kunstwerk muss als Experiment gelten, darf jedenfalls als äußerst gelungen betrachtet werden, und es ist zu hoffen, dass man das Werk, das eben kein bloßes mixtum compositum, sondern ein compositio bene mixta (Regie: Sebastian Nübling; Komposition: Lars Wittershagen) ist, auch in der nächsten Spielzeit in der baden-württembergischen Landeshauptstadt mag betrachten können.

Quelle: ADZ
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