Liebeserklärung an das eigene Werkzeug

30. August 2010
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Günter Grass schließt seine autobiografische Trilogie ab / Von Bernhard Spring

Mit seinem neuen Roman setzt Günter Grass den Gebrüdern Grimm ein literarisches Denkmal. Zugleich verneigt sich der Nobelpreisträger mit „Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung“ vor der deutschen Sprache und schließt seine autobiografische Trilogie ab.

Er habe eher zu viel geschrieben als zu wenig, meinte Günter Grass schmunzelnd, als er im vergangenen Jahr während des Wahlkampfes in Ostdeutschland unterwegs war. Damals las er aus seinen kurz zuvor veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr der Wiedervereinigung – „Unterwegs von Deutschland nach Deutschland“ zeigt einen nachdenklichen Grass, der nicht so recht in die damals heitere Zukunftsmusik einstimmen wollte. Doch diese Notizen sind trotz der typisch Grass’schen Grobkörnigkeit der Sprache kaum von literarischem Belang. Sein Reisebericht durch die sich auflösende DDR ist zuallererst ein politisches Buch.

Und vielleicht ist Grass auch in erster Linie ein politischer Autor. „Demokratie ist kein fester Besitz, sie muss immer wieder neu verteidigt, neu definiert werden“, fordert er unermüdlich, auch von sich selbst. Und so kann es kaum überraschen, dass seine jüngste Veröffentlichung ebenfalls ein politisches Buch ist. Grass zeichnet mit „Grimms Wörter“ eines der ehrgeizigsten Projekte der deutschen Sprachwissenschaft nach: Die Zusammenstellung eines Wörterbuchs durch die Gebrüder Grimm, das über alle Zeiten hinweg Gültigkeit haben würde.

Als Auftakt für seine Romanhandlung wählte Grass den Protest der Grimms gegen die Aufhebung der hannoveranischen Verfassung im Jahr 1837, der zu ihrer Entlassung von der Universität Göttingen führt – die Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm werden somit als Sprachwissenschaftler und Demokraten der ersten Stunde zugleich dargestellt. Grass, der die Grimms als geistiger Weggefährte so hautnah begleitet, dass er auch schon einmal neben ihnen auf einer Parkbank Platz nehmen kann, beschreibt die Entstehung des Wörterbuchs als geistesgeschichtlichen Dreh- und Angelpunkt, wobei er immer wieder den Zusammenhang zu seinem eigenen Leben und Schaffen sucht.

Zunächst machen sich Jacob und Wilhelm Grimm enthusiastisch an die Arbeit. Sie glauben, in wenigen Jahren ihr Werk abgeschlossen zu haben. Doch bald entdecken sie den wahren Umfang ihres Schaffens und kommen wesentlich langsamer voran als angenommen. Als Jacob Grimm 1863 vier Jahre nach seinem Bruder stirbt, ist er gerade einmal bei dem Wort „Frucht“ angelangt. Erst 1960 liegen alle 32 Bände des „Deutschen Wörterbuchs“ abgeschlossen vor.

Waren die Grimms von der entdeckten Vielfältigkeit der deutschen Sprache beeindruckt, so ist es Grass nicht weniger. Labsal beispielsweise sei so ein fast vergessenes Wort, dessen Klang allein schon Tröstung verschaffe. Mit einer solch intensiven Betrachtung der deutschen Sprache verneigt sich Grass als Schriftsteller vor seinem Handwerkszeug und vollendet seine autobiografische Trilogie, die seit der Publikation von „Beim Häuten der Zwiebel“ im Jahr 2006 große öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Im schonungslosen und völlig offenen Umgang mit sich selbst hatte Grass unter anderem auch seine Vergangenheit bei der Waffen-SS erstmals zur Diskussion gestellt.

Zwei Jahr darauf folgte mit „Die Box“ ein Resümee seines späteren Lebensweges, wobei er dem Leser auch Einblicke in sein Privatleben gewährte, sich weiter häutet. In „Grimms Wörter“ richtet Grass nun den Fokus auf seine Arbeit: Der Umgang mit der Sprache steht ebenso im Vordergrund der Handlung wie auch das politische Engagement der Gebrüder Grimm. Dabei versucht Grass, ihr Handeln zeitlos erscheinen zu lassen, um aus ihm überzeitliche Ansprüche abzuleiten, und schafft damit eine tatsächliche Liebeserklärung an die politische Literatur.

Und da schimmert sie wieder durch: Grass‘ Vorstellung von einer Politik der Besonnenheit, der „kleinen Schritte“, des „Fortschritts im Schneckentempo“. In einem gemächlichen Sprachtempo gelingt Grass ein flüssig lesbarer Abriss seines literarischen und politischen Gesamtwerks – und vielleicht sogar ein gelungenes Vermächtnis.

Günter Grass: „Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung“, Steidl Verlag, Göttingen 2010, 368 S., 29,80 Euro

Quelle: ADZ
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