Ein zu großer Frühlingshut

12. März 2010
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Neuer Energiepass bereitet den Bürgern schlaflose Nächte / Von Balthasar Waitz

Obwohl der Normalbürger noch nicht recht weiß, was damit anzufangen ist: Die rumänische Regierung macht nun doch ernst mit dem sogenannten Energieausweis. Ein letzter Antrag für Aufschub bis 2011 wurde von der EU abgelehnt, sodass er im laufenden Frühjahr auch hierzulande verpflichtend wird. Dieser neuartige Pass für Immobilien wird von einem Energieauditor (gleichfalls eine Neuigkeit auf dem rumänischen Arbeitsmarkt) auf Kosten des Eigentümers erstellt, zeigt den genauen Energieverbrauch einer Immobilie an und muss vom Eigentümer bei Vermietung oder Verkauf auf Verlangen vorgelegt werden. Ein Energieausweis enthält genaue Angaben über den Energieverbrauch der Immobilie, bestimmt die Konsumklasse (ähnlich wie bei elektrischen Hausgeräten) von den energiesparenden Gruppen A und B zu den mittleren C und D (die meisten rumänischen Wohnungen entsprechen dieser Konsumklasse), bis zu den unteren E, F und G (wiederum keine Seltenheit in unserem Land).

In der EU hat man sich schon seit einigen Jahren darauf eingestellt und demgemäß die Immobilien aufgerüstet: In Deutschland z. B. ist für Häuser bis Baujahr 1965 die Ausweispflicht schon seit 2008, für Häuser mit jüngerem Baujahr ab 2009 Gesetz. Jedoch schon seit 2002 verpflichtet der deutsche Staat Käufer von Altbauten zu energetischen Nachrüstungen bei Heizung und Wärmedämmung.

Wohlgemerkt: Der Energieausweis wird in allen Fällen nur für ganze Gebäude und nicht für einzelne Wohnungen erstellt.

Eine EU-Richtlinie auf rumänische Art ausgelegt

Der rumänische Gesetzgeber legt in diesem Fall wiedermal die EU-Richtlinien auf höchst originelle Art aus: Hierzulande verpflichtet das Gesetz die Eigentümer jedwelcher Immobilien und Wohnungen zum Vorlegen eines energetischen Ausweises. Das trotz des total veralteten Immobilienbestands, des starken Nachholbedarfs in Sachen Beheizung und Wärmedämmung, einer durch die Krisenzeit bedingten schwierigen Situation aller Hauseigentümer, trotz des Fehlens eines effizienten Audit-Systems sowie der nötigen Auditoren landesweit usw. Man könnte die Liste fortsetzen.

Während das Gesetz allen vor den Augen herumflattert, laufen erst in vier Universitätszentren bis Ende März die Lehrgänge für Auditoren. Im Schnellverfahren sollen 200 frischgebackene Auditoren die Tore der Unis verlassen.

Hart dagegen stemmen sich außer den Bürgern und ihren Wohngemeinschaften die gesamte Immobilienbranche und die öffentlichen Notare. Die Bürger sehen es selbstverständlich als eine neue Bürde für das Familienbudget in einem Jahr der starken Verteuerungen ihrer Lebenskosten an. So z. B. spricht sich die Föderation der Temeswarer Wohngemeinschaften FALT gegen die allgemeine Verpflichtung der Eigentümer zur Beschaffung solcher Ausweise aus. Man dürfte nur Wohnungseigentümer aus Wohnblocks mit schon durchgeführter Wärmedämmung dazu verpflichten. Laut FALT-Vorsitzendem Petru Olariu möchte die Regierung damit nur den etwa 620 Auditoren einen höchst rentablen Job verschaffen. Den Bürgern würde damit zu einem schlecht gewählten Zeitpunkt in unverantwortlicher Weise nur eine schwere Last aufgebürdet. Und nicht zuletzt: Die EU-Richtlinien würden sich ad literam keineswegs auf Eigentümer von Wohnungen mit Zentralheizung beziehen!?

Regierung macht sich für Wärmedämmung stark

Weder die stark von der Finanzkrise betroffenen Immobilienentwickler und -makler, noch die öffentlichen Notare sind von der Einführung des Energieausweises begeistert. Beide Branchenvertreter fürchten sich wie vor der Pest, dass ihre Preise völlig durcheinander geraten könnten, ihre spärliche Kundschaft wegen den höheren Kosten und der erschwerten Prozedur nur noch mehr wegbleiben könnte. Es bestehe die Gefahr, dass der gesamte Immobilienmarkt gänzlich einfriert.

Laut den Fachleuten, hat es in Rumänien im Bereich Immobilien und Grundflächen eine Entwertung von 40 bzw. 50 Prozent gegeben, was den Markt jedoch keineswegs beflügelt hat. Wenn man in Betracht zieht, dass Rumänien in Sachen Krise sechs Monate hinter dem Westen liegt, wird eine Erholung und Aufwertung des einheimischen Immobilienmarktes, laut den Analysten, erst ab Ende 2011 zu erwarten sein. In Grenzen hält sich die Begeisterung der Hersteller und Verkäufer von Baumaterialen, sogar der Baufirmen, die im Landesprogramm der Wärmedämmung beschäftigt sind. Die allgemeine Geldknappheit vereitelt sowieso jedwelche Ankurbelung des Marktes.

Staatssekretär Ioan Andreica vom Ministerium für Regionale Entwicklung und Tourismus zeigt Optimismus und lobt sein Programm zur Wärmedämmung: „Wir sind Vorreiter in Europa! Rumänien gehört zu den wenigen Staaten Europas, die die Kosten der Wärmedämmung zum Teil übernehmen, in unserem Land zu 50 Prozent, in einigen Fällen gar zu 100 Prozent, während das im restlichen Europa nur zu 20 Prozent geschieht!“

Heuer sollen die im Vorjahr begonnenen Arbeiten zur Wärmedämmung an 25.000 Wohnblocks fertiggestellt werden. Von den insgesamt 43.000 sanierungsbedürftigen Wohnblocks wurde die Wärmedämmung landesweit erst an 15.000 Wohnblocks abgeschlossen. Laut dem Wärmedämmungsprogramm werden die Wohnungen durch die Sanierung durchschnittlich in die B-Energieklasse mit einem Energiejahreskosum von etwa 100 Kwh/Quadratmeter gehoben.

Das Fazit: Wenn eine Verordnung dieser Art in der EU auch trendy ist, die Bürger zum Energiesparen, zur Modernisierung ihrer Häuser anregt, gar das Traumhaus vor Augen zu haben, kann sich ein Großteil der rumänischen Bevölkerung hier und jetzt wegen der damit verbundenen zusätzlichen Kosten kaum damit anfreunden.

Quelle: ADZ
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