Ein sinfonischer Abend seltenster Güte

2. März 2011
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Beethoven mit Horia Mihail und Mahler im Radiosaal Bukarest / Von Dr. Markus Fischer

Wer am vergangenen Freitag noch einen Platz im vollbesetzten und von an den Seitenwänden stehenden Zuhörern gesäumten Mihail-Jora-Saal des Rumänischen Rundfunks ergattern konnte, hatte das Glück und den Genuss, einen sinfonischen Abend seltenster Güte erleben zu dürfen. Unter der Leitung des niederländischen Dirigenten Theo Wolters brachte das Nationale Rundfunkorchester zwei umfängliche und für sich genommen bereits abendfüllende Werke zu Gehör: Gustav Mahlers 1. Sinfonie und, vor der Pause, Beethovens 5. Klavierkonzert mit dem 1971 in Kronstadt/Brasov geborenen und seit langem international renommierten Pianisten Horia Mihail.

Das 5. und letzte Klavierkonzert Ludwig van Beethovens, das im Rumänischen den Titel „Imperialul” und im englischsprachigen Raum den Titel „Emperor Concerto” trägt, während es im Deutschen selten als „Kaiserkonzert” apostrophiert wird, wurde von Horia Mihail selbst auf einem kaiserlichen Instrument interpretiert: auf dem in Wien gefertigten Konzertflügel „Bösendorfer Imperial Grand”, der von der Rumänischen Rundfunkgesellschaft erworben und just von Horia Mihail Ende vergangenen Jahres im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks mit einem Werk Chopins eingeweiht wurde.

Der „Bösendorfer Imperial Grand” ist der größte Konzertflügel der Welt: aufgrund seines Resonanzbodens, des Umfangs seiner Tastatur, der zu seinem Bau verwendeten Materialien und der über ein Jahrhundert währenden und in ihm lebendigen Manufakturtradition verfügt er über einen grandiosen orchestralen Klang. Dieser besondere Klang prädestiniert diesen Konzertflügel gleichsam für Beethovens 5. Klavierkonzert, zumal Beethoven mit diesem Werk die klassische Tradition der Solokonzerte in Richtung auf einen eher sinfonisch geprägten Konzertstil weiterentwickelte, wie ihn später Johannes Brahms in seinen beiden Klavierkonzerten pflegte und formte.

Bereits der Kopfsatz des Beet-hovenschen Klavierkonzertes Nr. 5 dauert länger als eine Mozart-Sinfonie. Schon in der virtuosen Einleitung des vor zweihundert Jahren erstmals aufgeführten Werkes macht der Komponist deutlich, dass Orchester und Soloinstrument gleichwertige Partner sind, die jeder für sich um die sinfonische Führungsrolle konkurrieren. Horia Mihail machte diesen Konkurrenzkampf im Geiste der Musik auch visuell deutlich, indem er von der Klavierbank aus Einsätze gab und gleichsam mitdirigierte, vielleicht auch um die impulsarme Führung durch den niederländischen Orchesterleiter mit Verve und Kraft auszugleichen.

Mit den musikalischen Möglichkeiten des neuen Bösendorfer Flügels, den Horia Mihail selbst einmal mutatis mutandis mit einem Überschalljet oder einer Luxuslimousine verglichen hat, gelang es ihm, feinste Klangnuancen herauszuarbeiten und dabei einen Reichtum von Klangfarben zu erzeugen, als stammten diese von in den Flügel gebannten Orchesterinstrumenten wie Pauken, Hörnern oder Oboen. Souverän und beherrscht, und doch zugleich überbordend und sich verströmend, also im wahrsten Sinne des Wortes begeistert vom sinfonischen Reichtum der Beethovenschen Musik, brachte Horia Mihail nach dem getragenen Adagio un poco mosso des zweiten Satzes das Klavierkonzert mit dem fulminanten Schlusssatz in Rondform und dem in der Coda gemeinsam mit der Pauke atemberaubend vorgetragenen musikalischen Dialog zu Ende. Auch in der Zugabe, der einzigen ihm vom Publikum abgetrotzten, die er mit dem Satz „N-am preg²tit nimic” (Ich habe nichts vorbereitet) präludierte, brachte Horia Mihail den Bösendorfer Flügel wieder zum Singen und die Zuhörer erneut zum Toben.

Auch Gustav Mahlers 1. Sinfonie, der der Komponist zeitweilig in Anlehnung an den Roman „Titan“ von Jean Paul den gleichnamigen Titel verliehen hatte, ist ein sinfonisches Werk par excellence, das in vielem einer sinfonischen Dichtung gleicht. Ja, die Dichtung selbst spielt in dieser Sinfonie eine bedeutende Rolle: Neben Inspirationen durch Werke deutscher Romantiker sind in dieser Sinfonie Gedichte des Komponisten selbst präsent, die er in seinen „Liedern eines fahrenden Gesellen” vertont hat, oder auch das französische Kinderlied „Frère Jacques” (Meister Jakob), das Mahler freilich „Bruder Martin” betitelte und im Gegensatz zur französischen Originalversion in Moll setzte. Volkstümliche Melodien, Naturlaute, Jagdmotive, Vogelrufe haben in das Mahlersche Werk ebenso Einzug gehalten wie Elemente der Klezmer-Musik und eine Tonsprache, die durch die Schule Bruckners gegangen ist und nach neuen Möglichkeiten sinfonischen Ausdrucks sucht.

Trotz des eingängigen musikalischen Materials und vielleicht gerade wegen des schnellen Wechsels der in diesem Werk ausgedrückten Stimmungen stellt Mahlers 1. Sinfonie, nicht zuletzt wegen ihrer technischen und koloristischen Schwierigkeiten, höchste Ansprüche an Präzision und Aufmerksamkeit nicht nur seitens des Dirigenten, sondern jedes einzelnen Orchestermitglieds. Eine einmal zu heftig angeschlagene Harfensaite kann den Gesamteindruck ebenso stören wie ein zu schwach intonierter Kuckucksruf der Klarinette oder wie minimale zeitliche Verwerfungen zwischen den Einsätzen einzelner Instrumentalisten oder Instrumentengruppen. Wunderbar war das Solo der Bratschengruppe im vierten Satz oder das Solo der Kontrabassgruppe zu Beginn des dritten Satzes, beeindruckend war der Auftritt der Hörnergruppe im Schlusssatz, die nach der Komponistenanweisung „Schalltrichter in die Höhe” tatsächlich geschlossen aufstand, überwältigend auch der Klang der bei den Hörnern postierten Posaune.

Dennoch, und dies ist wohl der eher legeren und oftmals nur andeutenden Gestik des Dirigenten geschuldet, fehlte dem Zusammenspiel des Orchesters die letzte Präzision und damit auch die sublime Kohärenz, die den zentrifugalen Kräften der Mahlerschen sinfonischen Sprache, die „dall’ inferno al paradiso” oszilliert und dabei zu Tode betrübt himmelhoch jauchzt, einigend und zentrierend entgegenwirkt. Gerade weil die Instrumentalisten des Orchesters so gut spielten, ging man mit dem Eindruck nach Hause, der Dirigent hätte sie dazu anhalten müssen, noch feiner zu spielen und vor allem noch schöner zusammenzuspielen. Aber vielleicht ist dieser Eindruck nur Ausdruck dessen, dass man am vergangenen Freitag im Bukarester Mihail-Jora-Saal eines großen musikalischen Ereignisses teilhaftig werden konnte.

Quelle: ADZ
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