Die Zeiten der bitteren Pille

12. März 2010
von

Krankheit wird teurer: Versicherte haben sich mit Zuzahlungen zu beteiligen / Von Balthasar Waitz

Mit großem Eifer schmiedet die Boc-Regierung Gesetzentwürfe und Eilverordnungen, die sie zum Teil dann auch wieder zurücknimmt oder ständig verändert. Widersprüchliche Statements folgen den Ankündigungen solcher Gesetzestexte. Ein fruchtbarer Nährboden für die Gerüchteküche. Die verunsicherten Steuerzahler, die sowieso 1001 andere Sorgen plagen, kommen nicht mehr aus dem Staunen heraus. Zwei der letzten Hiobsbotschaften bescheren dem Volk so richtig Kopfschmerzen und schlaflose Nächte: Als „Märzchen“ sozusagen, also ab dem ersten März soll das System der Zuzahlungen für Patienten mit Krankenversicherung eingeführt werden. Im Klartext: An einigen Leistungen, die die gesetzliche Krankenversicherung erbringt, haben sich die Versicherten mit einem Eigenbeitrag zu beteiligen. Die zweite unliebsame Nachricht für die Normalbürger: Am 1. April tritt höchstwahrscheinlich eine Verteuerung der Arzneimittel in Kraft.

Ein Mehr für die Kasse, weniger Schmiergeld für den Arzt

Gesundheitsminister Attila Cseke macht sich stark für die neue Ordnung im Gesundheitssystem, obwohl es sich eigentlich um eine Idee seines Vorgängers, des ehemaligen Ministers Ion Bazac, handelt. 2009 ging schon eine heiße Debatte zu diesem Thema über die Bühne. Ex-Minister Bazac schwebten u. a. folgende Zuzahlungen der Patienten vor: fünf Lei für eine Untersuchung beim Hausarzt und zehn Lei beim Facharzt, ein Leu für Blutentnahme und 100 Lei pro Woche Krankenhausaufenthalt usw.

Kurz vor Mandatende entdeckte Minister Bazac dann plötzlich das französische Modell: Die Zuzahlungen sollten durch sogenannte Gesundheitsscheine ersetzt werden. Damit sollten die Patienten alle ärztlichen Dienstleistungen außer dem Grunddienstleistungspaket begleichen. Nach Diskussionen mit Experten von der Weltbank sollte das System am 1. September 2009 anwendbar sein. Die ganze Sache wurde damals und wird auch heute vom ehemaligen Gesundheitsminister Eugen Nicolaescu als unangebracht und der derzeitigen Krisensituation nicht entsprechend bewertet: „Es wäre ein Riesenschritt vorwärts, wenn das rumänische Gesundheitswesen mehr Geld zur Verfügung hätte. Leider ist sein Budget in diesem Jahr kleiner als 2009 und 2008.“ Diese Maßnahme werde die Kosten der ärztlichen Betreuung nur noch mehr anheizen. Es bestehe auch die Gefahr, dass die Patienten einen Großteil der Dienstleistungen im Kran-kenhaus bezahlen werden müssen.

Der amtierende Gesundheitsminister behauptet, dass die Einführung des Systems absolut erforderlich sei: Der Eigenbeitrag würde erstens zu einer Disziplinierung der Bevölkerung führen, ungerechtfertigte Untersuchungen, Rezepte, Krankenhausaufenthalte oder Krankenurlaube (2009 mussten allein für Kran-kenurlaube nahezu 923 Millionen Lei beglichen werden, sodass jetzt eine Untersuchung angeordnet wurde) würden stark zurückgehen. Auch den aus dem kommunistischen Regime als Altlast übernommenen schlechten Gewohnheiten bzw. der Bestechung des ärztlichen Personals würde damit ein Riegel vorgeschoben. Vor allem was die letzte Behauptung betrifft, gibt es jedoch in allen Kreisen Gegenstimmen. Laut Meinungsumfragen, Aussagen von Fachleuten und Laien, aber auch von Ärzten selbst, könnte man damit nicht einfach die hierzu-lande auf Schmiergeld aufgebaute Beziehung Patient – Arzt über Nacht abschaffen. Noch kritischer äußerte sich Vasile Barbu, Vorsitzender des Vereins für Patientenschutz: „In der derzeitigen Situation ist die Einführung der Zuzahlung unakzeptabel. Man erreicht damit höchstens, dass gewisse Bevölkerungsschichten keinen Zugang zur ärztlichen Betreuung mehr haben werden.“

Das System der Zuzahlungen existiert in zwölf Ländern Europas und in den USA. In Deutschland gibt es z. B. Zuzahlungen bei der Versorgung mit Arznei- und Heilmitteln (10 Prozent der Kosten), bei der ärztlichen und zahnärztlichen Behandlung gilt eine Praxisgebühr von 10 Euro einmal im Quartal. Im Falle von Krankenhausaufenthalten und Reha-Maßnahmen muss sich ein Versicherter mit 10 Euro je Kalendertag beteiligen. Die Zuzahlung bei häuslicher Krankenpflege beträgt 10 Prozent der Kosten.

Das rumänische Gesundheitsministerium erhofft sich durch Einführung dieses neuen Systems, dem geplagten Haushalt des Ministeriums, dessen Budget voraussichtlich nur bis Mitte 2010 reichen wird, etwa 700 Millionen Lei zuzuführen.

Ein längst angekündigtes Übel

Keine Neuigkeit, da schon vor Ende des Vorjahres angekündigt, ist die Verteuerung der Arzneimittel, die nun am 1. April in Kraft treten soll. Hauptgründe dafür seien die Aktualisierung des Wechselkurses von 4 auf 4,25 Lei pro Euro im Gesetz des Staatshaushalts 2010 und gleichzeitig die Anpassung an die europäischen Preise. Selbstverständlich sind weder die Patienten noch die Apotheker davon angetan, obwohl die letzteren ja aus den Vorjahren an diese Prozeduren der Regierung gewöhnt sind. Die Arzneimittelhersteller wie auch die Apotheker finden, dass diese Verteuerung die Bevölkerung nur in geringem Maße treffen wird. Man geht von einer durchschnittlichen Preissteigerung von 6,25 Prozent aus. Teurer sollen die vom Arzt verschriebenen Arzneimittel aus dem nationalen Gesundheitsprogramm und ein Teil der ganz oder teilweise unentgeltlichen Arzneimittel werden.

Die Beziehungen zwischen der Krankenversicherungskasse und den Apotheken ist schon seit Monaten recht gespannt: Die Arzneimittelhersteller machen mächtig Druck auf das Gesundheitssystem, sie haben derzeit über 500 Millionen Lei für gelieferte Arzneimittel zu kassieren.

Quelle: ADZ
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3 Responses to Die Zeiten der bitteren Pille

  1. Desillusio am 28. Mai 2010 um 18:37

    Ja, ja, Herr Lazarescu stirbt gerade.

    “Der Tod des Herrn Lazarescu”. Drama, Rumänien 2005, Regie: Cristi Puiu.
    ARTE, 26.05.2010, 22:00 Uhr.

    Vielleicht steht der Film nochmal irgendwo auf dem Programm?

    Besser wurden die Rumänen noch nie beschrieben. Und weil sie so sind, hasse und liebe ich sie.

  2. Franz am 6. Mai 2010 um 08:41

    Nachdem jetzt immer mehr private Anbieter von Krankenversicherungen und Gesundheitsversorgung auf den Markt drängen bzw. in den Städten schon etabliert sind und das Haushaltsbudget knapp ist, ist es fraglich wie lange die gesetzliche Kasse in dieser Form noch wirklich Bestand hat.
    Soweit man in der ADZ liest, versucht ja wirklich jeder, wenn es nur irgendwie geht, zu einem privaten Versorger zu wechseln.

  3. Supersvabo am 22. März 2010 um 13:37

    daß das rumänische Gesundheitswesen immer schon bis ins Mark korrupt war, ist doch nun wirklich eine Binsenweisheit. Hervorragende, jedoch ehrlose Ärzte gab es in RO doch immer schon zuhauf, die Ihren ständischen Eid vergessenhaben und lieber mal die Hand weit aufhielten. Gewiß mag das heute nicht mehr so offensichtlich sein. Wer erinnert sich noch daran, daß ab einem bestimmten Alter die Rettung garnit mehr gekommen ist, weil der Patient schon zu alt war. Es sei denn, ja man wußte wie und wo man gut schmieren kann. In den 1960er als meine siebzigjährige Großmutter mit Gürtelrose darnieder lag, sagte der Dorfarzt zu meiner Mutter auf Rumänisch: “Was willst? Soll die Alte (baba) ewig leben? Schau Deiner Arbeit nach!” Soviel zur Ethik der Ärzte in RO, auch wenn viele fachlich gut waren. Das wird sich heute nur wenig gewandelt haben, die Methoden mögen subtiler sein. Wir brauchen uns bestimmt in dieser Hinsicht keine Sorge machen, der Fuchs hat inzwischen bestimmt schon das Füchslein abgerichtet.

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