Sieben Frauen verkörpert Ofelia Popii im Theaterstück “Felii” von Lia Bugnar / Von Andrey Kolobov
Wer jemals versucht hat, einem Kind eine Geschichte dramatisiert und mit Stimmvariationen vorzulesen, weiß wie schwer es ist, ständig zwischen den Personen zu wechseln und in der richtigen Tonlage zu sprechen. Die Aufgabe ist umso einfacher, je weniger Figuren man darzustellen hat. Eine Verwandlung in mehrere Personen gelingt nur einem guten Schauspieler.
Sieben verschiedene Personen verkörpert Ofelia Popii im Theaterstück „Felii“ („Scheiben“). Sieben Frauen mit unterschiedlichen Charakteren und Schicksalen, verbunden durch einen Todesfall. Der Tod des Ehemannes, des Vaters, des Liebhabers, des Sohnes und des Wohltäters – alles dieselbe Person – wirft das Leben dieser Frauen durcheinander. Wie im wirklichen Leben verschwindet der Tote von der Oberfläche nach der ersten Szene. Die Frauen müssen allein mit ihrem Schmerz und ihren Problemen klarkommen. Es gelingt nicht allen.
Die Tochter, die nebenbei mit Drogen dealt, erschreckt durch die Anwesenheit von Polizisten und Journalisten nach dem Tod ihres Vaters und spült die Ware die Toilette runter. Da ihr Komplize den Verlust der Ware und somit des Geldes nicht akzeptieren will, sieht sie keinen anderen Ausweg als Selbstmord.
Nicht weniger kompliziert ist das Schicksal seiner Ehefrau, die vom Dahinscheiden ihres Mannes von dessen Liebhaberin und gewesenem Dienstmädchen der Familie erfährt. Von diesem Verhältnis wohl wissend, muss sie nun gute Miene zum bösen Spiel machen. Zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Mann und dem Hass wegen des Betrugs, sucht sie Trost im Alkohol. Der Selbstmordversuch ihrer Tochter ist ein weiterer Schlag, den sie überstehen muss.
Die Großmutter, die ebenfalls eine zweifache Tragödie – den Tod ihres Sohnes und die Tatsache, dass ihre Enkelin im Koma liegt – zu bewältigen hat, bringt einige peinliche Details über die Kindheit des Verstorbenen ins Spiel: „Ich erzähle es dir nur, weil du im Koma liegst und ich auf deine Verschwiegenheit zählen kann.“ Der kurzfristige Wechsel ins Tragikomische wird durch den „Kampf“ mit dem Geist ihres verstorbenen Sohnes und den Dialog mit der Schwiegertochter abgelöst.
Das Ende dieses kurzen Abschnittes einer Familiengeschichte ist genauso dunkel wie ihr Anfang. Mit den Worten „Fange mich, Vater“ scheidet auch die Tochter aus dem Leben.
Gute anderthalb Stunden steht eine Schauspielerin auf der Bühne. Es ist immer dasselbe Gesicht, das die Zuschauer sehen. Die blitzschnelle Verwandlung und der sprunghafte Personenwechsel, die Ofelia Popii so gut gelingen, verblüffen durch die Genauigkeit im Mimikwechsel und hinterlassen den Eindruck, es jedes Mal mit einer anderen Schauspielerin zu tun zu haben. Während des Dialogs zwischen der Mutter und der Ehefrau des Verstorbenen könnte man glauben, das Schwenken einer Kamera wahrzunehmen, die jeweils eine der beiden Person anvisiert.
Lia Bugnar hat dieses Stück speziell für Ofelia Popii geschrieben. Die Ausnahmeschauspielerin – für ihren „Mephisto“ erhielt sie den Uniter-Preis und 2009 den „Herald Angel Award“ in Edinburgh – erlaubt dem Zuschauer einen flüchtigen Einblick in das verwickelte Schicksal einer Familie. Der zwischen zwei Todesfällen konzentrierte Schmerz, die Verzweiflung und ein Brocken Hoffnung lassen dieses Stück in einem besonderen Licht erscheinen. Die sehr persönlichen Monologe vermitteln das Gefühl, etwas ganz Privates durch ein Schlüsselloch zu beobachten und doch Teil des Geschehens zu sein. Früher oder später wird jeder Mensch mit dem Tod konfrontiert. Für den Verstorbenen ist er der letzte Schritt im Leben. Für die Hinterbliebenen stellt er den Beginn eines weiteren Lebensabschnittes dar.
Quelle: ADZ
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